Geschichte der Dreisam

„....So loset denn, was i will vorschla:
sin mer z’semme nit drü? So wemmer Drüzsemme heiße,
Seig’s so, hen die andere gseit, un dusse vor Zarte het me si täuft,
jez heiße sie Drüszem, und Dreisam uf hochdütsch.
Des henner guet g’macht, ihr Flüßli!...“

Als Anspielung auf den Zusammenfluss der drei Schwarzwaldbäche Rotbach, Wagensteigbach und Ibenbach dachte sich der Freiburger Ferdinand Biechle dieses heitere Gedicht aus. Im Volksmund ist diese Herleitung des Namens der Dreisam immer noch geläufig. Mittlerweile allerdings sieht man den Ursprung der Namensgebung im keltischen Wort 'tragisima', das die in Hochwasserzeiten 'sehr schnell fließende' Dreisam umschreibt..

Der heutige weitgehend begradigte Fluss ist längst nicht mehr die unberechenbare Gefahrenquelle für Freiburg und die Umlandgemeinden, die die Dreisam über Jahrhunderte darstellte. Aber auch der Nutzenfaktor beschränkt sich mittlerweile hauptsächlich auf den Freizeitwert des Flusses. Einst lebte das Gewerbe der Stadt vom Fluss, dessen Wasser Mühlen aller Art antrieb, Edelsteinschleifereien, Hammer- und Sägewerken die benötigte Energie lieferte und von großer Bedeutung für die Schmieden und Gerbereien war. Auch für die Wiesenbewässerung im Freiburger Westen wurde das Dreisamwasser genutzt. Um Streitigkeiten zu entgehen, wurde die gerechte Verteilung des Wassers im Mittelalter genau gewacht. Noch heute zeugen der am Sandfang ausgeleitete Gewerbekanal und die Bächle in der Freiburger Altstadt von der Bedeutung des Flusses für die Stadtgeschichte. [mehr zu 'Stadtbächle und Gewerbekanal']

Die Abhängigkeit der Stadt und ihrer Menschen vom Wasser des Flusses bezeugt auch eine andere Geschichte. So wurde bei einer der vielen Belagerung der Stadt durch die Franzosen das Wasser der Dreisam kurzerhand umgeleitet. Der Gewerbekanal führte kein Wasser mehr und die Freiburger saßen buchstäblich auf dem Trockenen.[mehr zu 'Belagerung Freiburgs']

Die weitaus größte Gefahr drohte jedoch durch die häufigen Überschwemmungen, unter denen die Einwohner der Flussanliegergemeinden zu leiden hatten. Bis weit ins 19. Jahrhundert lagen Bahlingen, Betzenhausen, Lehen, Hugstetten, Buchheim und Neuershausen zum Teil und Umkirch vollständig im bis über zwei Kilometer breiten Überflutungsgebiet der Dreisam, das auf den Gemarkungen Freiburgs und der oben erwähnten Gemeinden immerhin rund 1650 Hektar einnahm.
Bei hoher Wasserführung trat die Dreisam über ihre Ufer und suchte sich nicht selten ein neues Flussbett. Die Folgen waren zerstörte Wege und Gebäude, überschwemmte Ackerflächen und ertrunkenes Vieh. Im Jahr 1480 kostete eine große Überschwemmung gar 30 Menschen das Leben. Bereits im Mittelalter wurde versucht, dem Fluss ein geregeltes Bett zu geben und so den wiederkehrenden Wassermassen entgegen zu treten. Die erste Wuhrordnung von 1588 zeugt davon. Doch großer Erfolg war den Bemühungen nicht beschert.

So schreibt Vinzez Kremp in der Umkircher Dorfchronik über das Hochwasser 1813:
"Unterhalb des Lehener Bergles konnte der Damm den fürchterlich reißenden und umsichgreifenden Wasser nicht standhalten, das mit einder so zerstörenden Wuth durchbrach und sich in den Riedgraben fortwälzte, daß nun die erst kürzlich vollendeten Arbeiten an dem neuausgegrabenen Riedgrabenkanal völlig wieder zerstört und dadurch den Angrenzern ein unwiederbeibringlichen Verlust zugefügt wurde. Das Flußbett hat sich über das Niveau der angrenzenden Felder erhöht, wand sich von der Lehener Brücke in zahllosen Krümmungen bis zur Umkircher Gemarkung. So lange die neue Leitung des Dreisambettes nicht in Vollzug kommt, werden die Gemeinden Lehen, Umkirch und Hugstetten jedes Jahr den selben Unglücksfällen ausgesetzt bleiben."

Änderung war erst durch die Aufnahme der Dreisam in den Badischen Flussbauverband im Jahr 1816 in Sicht. Nach den Plänen Johann Gottfried Tullas wurde die Dreisam in den Jahren 1816 - 1845 von Freiburg bis zum Rhein in ein enges grades Bett gezwängt. Ein Doppeltrapezprofil gibt seitdem den Fluten der Dreisam nur noch wenig Spielraum. Seit 1842 leitet ab Riegel der Leopoldskanal die Fluten von Dreisam, Elz und Glotter bis zum Rhein. [mehr zu 'Johann Gottfried Tulla']
Trotz der neuen Dammbauten verursachte das Hochwasser von 1851 noch erhebliche Schäden. Erst weitere Befestigungsmaßnahmen führten zu dem Hochwasserschutz, den man sich versprochen hatte. Die finanziellen Opfer der anliegenden Gemeinden waren hoch, dennoch ging, generationenübergreifend und volkswirtschaftlich betrachtet, die Rechnung auf. Die ca. 1600 ha, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert nicht mehr überschwemmt wurden waren nun vielfältiger nutzbar. Der dadurch gestiegene Wert übersteigt bei weitem den finanziellen Aufwand der damaligen Baumassnahmen.
[mehr zu 'Begradigung der Dreisam']

So ist in der Denkschrift zum 'Binnenflussbau im Großherzogtum Baden 1863' zu lesen:
"In kaum ein halbes Menschenalter drängt sich die Erinnerung an den früheren Notstand und die Anschauung des gegenwärtigen Wohlstandes zusammen".

Was bis heute als ein Segen für die Anwohner gelten kann, darf mit einigem Abstand kritisch hinterfragt werden. Vieles ging mit der Verbauung verloren, wie der Lachs bis Zarten oder wertvolle Wälder und Feuchtbiotope in der Region, deren rare Überreste vermuten lassen, welche ökologischen Verluste die radikale Begradigung der Dreisam hervorgerufen hat.